In Principio

Quintett für Flöte, Viola, Posaune, Harfe und eine Sopranstimme

Nach der überaus anstrengenden und langwierigen Arbeit am Konzert für Streichquartett SOLO zunächst als kurzes und schlichteres Werk für Flöte, Viola und Harfe – eine Besetzung die u. a. Debussy in einem seiner Spätwerke bemüht hat – geplant, wurde das Stück aus ›programmatischen‹ Gründen frühzeitig um eine Posaune und später um eine Sopranstimme erweitert, und wuchs zu einem musikalisch, kontrapunktisch und ›metaphorisch‹ hochkomplexen und umfangreichen Opus an.

Vorausgegangen war eine intensive Beschäftigung mit Fragestellungen der Metaphysik – konkret der Ontologie – , die mit religiösen Themen – dem ersten und letzten Buch der Bibel, also Mose Genesis und der Offenbarung des Johannes, entnommen – recht eigenwillig verbunden wurden, was auch zu Werk- und Satztiteln führte, die im Falle des vorliegenden Werks vor dem Kompositionsvorgang feststanden.

Der erste Satz beginnt in großer Ruhe mit liegenden Klängen und einfachen Linien. Angeschlossen ist eine Folge leerer Quint-Oktav-Klänge der Harfe, die ich aufgrund ihrer seltsam anmutenden Verbindung »mystische Akkordfolge« nennen mag, und die in allen Folgesätzen von immanenter Bedeutung sein wird. Auch einem zuvor in der Harfe erklungenen dissonanten Dreiklang wird im Verlauf des Stücks leitmotivische Qualität beigemessen.

Plötzlich ein virtuoses Flirren in allen Stimmen, Posaunenrufe, und der Satz ist zu Ende.

Beim zweiten Satz handelt es sich um eine kontrapunktisch äußerst komplexe Fuge.  Bei immer vielschichtiger werdenden kontrapunktischen Techniken wandelt sich das zunächst jugendlich-schwunghafte Thema zu einem ruhigen, abgeklärteren, quasi altersweisen, bevor die Viola gegen Satzende einen Inversionskanon über den Cantus firmus »Ach wie flüchtig, ach wie nichtig« in die Fuge einwebt. Der Mensch wird sich hier seiner eigenen Vergänglichkeit bewusst, woran auch die von der Sopranistin abschließend vorgetragene 3. Zeile der 2. Strophe der Inschrift der sogenannten Seikilos-Stele auf Tralles (Kleinasien) gemahnt, eines der frühesten Zeugnisse verschriftlichter Musik: »pros oligon esti to zen« (»Eine kurze Frist bleibt zum Leben.«).

Dem zweiten Satz vorangestellt sind die ersten beiden Liedzeilen, die von der Sopranistin gesprochen vorgetragen werden:

Hoson zes, phainou
meden holos sy lypou

Übersetzung: »Solange du lebst, tritt auch in Erscheinung. / Traure über nichts zu viel.«

Der dritte und vierte Satz gehen fließend ineinander über. Den dritten beginnt die Posaune mit einem repetiertem Trauer-Rhythmus, um später das Dies irae der gregorianischen Totenmesse zu zitieren. Kontrapunktische Verbindung von Fugenthema des zweiten Satzes und dem ›Geister-Thema‹ Robert Schumanns – Hommage an den großen Romantiker anlässlich seines 200. Geburtstags und gleichzeitig – diese Interpretation sei erlaubt – Signal eines beginnenden Deliriums – sowohl des Komponisten Schumann als auch der Menschheit/der Welt/alles Seienden. Dabei Rekapitulation des Dies irae in schnellerem Tempo – ein kurzer Totentanz: »Und so ist denn der Lebenslauf des Menschen in der Regel dieser, dass er, von der Hoffnung genarrt, dem Tode in die Arme tanzt« (Arthur Schopenhauer).

Mit der Choralzeile »Gute Nacht, du Stolz und Pracht!« (vergleiche Satztitel) beginnt das zärtliche Vergehen der Welt. Bei Wiederaufnahme des eingangs vorgestellten Trauer-Rhythmus zitiert die Sopranistin die letzte Zeile des Seikilos-Liedes »to telos ho chronos apaitei« (»Das Ende bringt die Zeit von selbst.«).

Der letzte Satz wird durch den von der Sopranistin gesummten Hymnus In paradisum deducant te angeli eingeleitet. Mehrere Cantus firmi, deren Texte sich aus der Offenbarung speisen, werden bei flirrenden Harfenklängen schlicht miteinander verwoben. Dabei streut die Sopranistin wiederholt den Maranatha-Ruf aus dem 1. Brief des Paulus an die Korinther, auf den Johannes sich bezieht, ein – zunächst in der Fassung »maranâ thâ« (»Herr Jesu, komm!«) in Erwartung der baldigen Parusie, schließlich durch geringfügige Änderungen des aramäischen Textes zu deren Erfüllung: »maran athâ« (»Unser Herr ist gekommen«).

Mit der Liedzeile »O Ewigkeit, Zeit ohne Zeit« singt die Sopranistin ihren letzten Einwurf. Abschließende Aufnahme der mystischen Akkordfolge.

Die Karl-Heinz Knoedler Stiftung hat die Gemälde Es werde III und Tore Jerusalems, die sich inhaltlich mit den gleichen Themen auseinandersetzen wie das vorliegende Quintett, des im Jahre 2000 verstorbenen Künstlers Karl-Heinz Knoedler zur Verfügung gestellt, wofür wir herzlich danken.

Libretto: 

Hoson zēs, phainou
mēden holōs sy lypou
pros oligon esti to zēn
Gute Nacht, du Stolz und Pracht! dir sei ganz, o Lasterleben, gute Nacht gegeben!
to telos ho chronos apaitei
maranâ thâ … maranâ thâ …
maran athâ
O Ewigkeit, Zeit ohne Zeit.
Ewigkeit

Altgriechische Originalfassung des Seikilos-Lieds

Ὅσον ζῇς φαίνου
μηδὲν ὅλως σὺ λυποῦ·
πρὸς ὀλίγον ἐστὶ τὸ ζῆν.
τὸ τέλος ὁ χρόνος ἀπαιτεῖ.

Übersetzung Seikilos-Lied

Solange du lebst, tritt auch in Erscheinung.
Traure über nichts zu viel.
Eine kurze Frist bleibt zum Leben.
Das Ende bringt die Zeit von selbst.