J. S. Bach, Johannes-PassionWerkeinführung und Libretto

 

Die Passio Secundum Johannem zählt zu Bachs bedeutendsten Werken und gilt als einer der wichtigsten abendländischen Kulturbeiträge überhaupt. Im Gegensatz zu ihrer jüngeren Schwester, der Matthäus-Passion, liegt sie jedoch nicht in einer endgültig fixierten Fassung vor. Die teils deutlich divergierenden Fassungen I bis IV zeugen jedoch nicht – wie oft angenommen – von einer generellen Unzufriedenheit Bachs mit dem Werk. Vielmehr hat dieser sein Opus zugunsten mehrmaliger Verwendbarkeit situativ angepasst, was sich besonders an den deutlichen Unterschieden zwischen den ersten beiden Fassungen ablesen lässt, folgte die Aufführung von Fassung II doch der Uraufführung von 1724 nur ein Jahr später.

Die heute regulär musizierte und erst um 1749 – also etwa ein Jahr vor Bachs Tod entstandene – Version IV ist (dies mag erstaunen, ist aber weiterer Beleg für Bachs Wertschätzung des Werks) mit der Urfassung weitgehend identisch. Drei weitere Passionsvertonungen Bachs gelten als größtenteils verschollen.

Das Libretto

Die Johannes-Passion gehört der Gattung der Oratorischen Passion an, ist also nicht wie das Passions-Oratorium ein durchweg lyrisches Werk, sondern vereint heterogene Textgattungen:

Grundlegend ist der Text der Kapitel 18 und 19 des Johannes-Evangeliums, der sich in die epische Berichterstattung des Evangelisten und die dramatischen Wechselreden der Soliloquenten (= in direkter Rede sprechenden Personen, z. B. Jesus, Pilatus) wie der Volksmenge unterteilt, und sich von den analogen Berichten der Synoptiker – also den Autoren der ersten drei Bücher des Neuen Testaments – deutlich unterscheiden lässt. Johannes rückt das Göttliche Jesu weit in den Vordergrund und lässt die besonders menschlichen Züge – so das Zagen im Garten Getsemani oder die „Eli, warum hast du mich verlassen?«-Schreie – außen vor. Vielmehr bittet Jesus in einem langen Gebet, dem Passionsbericht vorangestellt, um seine Verherrlichung – der Logos drängt dem Vater zu; „Was soll ich sagen: Vater, rette mich aus dieser Stunde? Aber deshalb bin ich in diese Stunde gekommen.« (Joh. 12,27); im Moment größten Schmerzes kümmert er sich liebevoll um die Seinen: „Weib, siehe, das ist dein Sohn!«; die Bitte, der Kelch möge an ihm vorübergehen, wie sie die Synoptiker aufführen, wandelt sich bei Johannes zu Einforderung und der an Petrus gerichteten Zurechtweisung zugleich: „Der Kelch, den mir der Vater gegeben hat - soll ich ihn nicht trinken?«; der Todesschrei Jesu ist bei Johannes zum weihevollen „Es ist vollbracht« verklärt; die in den ersten Büchern erwähnte politische INRI-Hohnschrift wandelt Johannes in eine vielsprachige Verkündigung.

Gleichwohl hat Bach dramatischer Effekte wegen mehrere Verse des Matthäus-Evangeliums integriert, so das Weinen Petri, der nach dreimaliger Verleugnung seines Herrn durch den Schrei eines Hahns des Schwurbruchs gewahr wird (dies macht die Kirche sich im Schuldbekenntnis insistierend erinnerlich), und die bildreiche Schilderung des Erdbebens mit Erweckung der Toten nach dem Kreuzestod Jesu.

Die freie Dichtung der Arien-Texte (der Dichter ist unbekannt, rekurriert jedoch auf Vorlagen von Christian Weise, Berthold Heinrich Brockes und Heinrich Postel) stellt die zweite Textebene dar, die Choralstrophen unterschiedlicher Verfasser eine dritte.

Solo-Gesänge

Die vokalsolistischen Nummern gliedern sich in die die Handlung fortspinnenden, oft hochdramatischen (Secco-)Rezitative und die kontemplativ innehaltenden Arien.

Herausragend in Schwierigkeitsgrad, Umfang und dramatischem Gestaltungsreichtum ist die Partie des Evangelisten Johannes. Hingegen sind die Reden Jesu von einer großen Würde und inneren Ruhe gekennzeichnet – auch wenn ihnen die Streichinstrumenten-Aura der instrumentierten Secco-Rezitative, wie sie für die Matthäus-Passion charakteristisch ist, fehlt.

Von den Arien seien zwei herausgegriffen:

„Erwäge, wie sein blutgefärbter Rücken« ist eine Arie für Tenor, zwei Viole d’amore und Continuo, und stellt ein Musterbeispiel für musikalisches Malen poetischer Bilder (Hypotyposis) dar. Bach skizziert ausdrucksstark „Wasserwogen« und „Regenbogen«, und lässt den Zuhörer sich beim wiegenden Wägen wähnen.

Die mit Molto Adagio überschriebene Arie „Es ist vollbracht« greift Duktus und musikalischen Gestus der letzten Worte Jesu auf. Als Soloinstrument wird dem Alt mit der Viola da gamba das traditionelle ‚Todesinstrument‘ zur Seite gestellt. Das traurig-meditativ dahin fließende Stück wird jäh durch den Vivace-Abschnitt „der Held aus Juda siegt mit Macht und schließt den Kampf«, innerhalb dessen das Streichorchester mit aufsteigenden Gesten Auferstehung und Himmelfahrt des Herrn antizipiert und Kampfszenen überdeutlich illustriert, unterbrochen. Die Wiederaufnahme des Beginns schließt mit einem letzten „Es ist vollbracht«, das – untypisch – kyklotisch dem Schlussritornell beigefügt ist und so zu einem der bewegendsten Momente des Monumentalwerks wird.

Chorsätze

Mit zwei gewaltigen Chören, 14 Turbachören, 11 Choralsätzen und der Beteiligung an zwei Arien wird dem Chor eine tragende Rolle zugedacht. Im Gegensatz zu denen der Matthäus-Passion sind die Turbasätze, mit denen der Chor die Rolle der Massen übernimmt, von ausladendem Umfang und ungekannt zugespitzter, Bachs eigene Ästhetik geradezu überwindender Tonsprache. Neben den enormen technischen Hürden ist die psychologische Belastung für die Sängerinnen und Sänger nicht zu unterschätzen, nimmt der Chor doch Jesus gefangen, verlangt als Pöbel dessen Kreuzigung, mimt die prügelnden und spottenden Häscher, streitet sich um seine Kleider, während der Geschundene über der Szene am Holz des Kreuzes hängt.

Daneben repräsentiert er in den Choralsätzen, in ihrer Funktion den Arien vergleichbar, intelligent kommentierend und aufrichtig Anteil nehmend den Zuhörer/die gesamte Christenheit (zu Bachs Zeit wurden die Choralmelodien von der Gemeinde mitgesungen!) und bettet den Herrn im Schlusschor zur Ruhe. Dies kommt oktroyierter Schizophrenie gleich.

Ebenfalls zwei Chorsätze mögen herausgegriffen werden:

Der Eingangschor „Herr, unser Herrscher« ist ein gewaltiges, johanneische Theologie reflektierendes Tongemälde.1 Schärfste Dissonanzen der beiden Oboen überschweben eng gewebte Sechzehntelketten der Streicher, die an ein letztes würgendes Aufbegehren der Erbschuld erinnern und vom Chor nach je dreimaligen „Herr«-Rufen aufgegriffen werden. Überaus zahlreiche Soggetti werden polyphon durchgeführt, so dass der evidente dreiteilige Da-capo-Aufbau die Komplexität des Satzes eher verschleiert.

Der Chor „Lasset uns den nicht zerteilen« skizziert in engem Wort-Ton-Verhältnis das Feilschen um den Rock Jesu. Hoch-virtuos gesetzt und von Chor und Cellisten gleichermaßen gefürchtet, erlebt der Hörer das Teilen der Kleider (Bach vertont nach barocker Manier eben dieses Schlüsselwort, obwohl vom Nicht-Teilen die Rede ist), das Werfen der Würfel und die aufgeregte Diskussion der Kriegsknechte hautnah mit.

Die eklektische Auswahl ist rein pragmatischer Natur. Jeder Satz des Werks ist sui generis und von engstem Wort-Tonverhältnis, und zeugt von Bachs höchster Kunstfertigkeit – sei es die Darstellung der Hammerschläge im Chor „Kreuzige«, die spottenden Oboen in „Sei gegrüßet, lieber Jüdenkönig«, das mit zahlreichen Überbindungen realisierte rhythmische-metrische Vexier der Arie „Von den Stricken meiner Sünden«, die Wahl der dogmatisch anmutenden Fugenform in „Wir haben ein Gesetz«, harmonische Wendungen in den Choralsätzen oder singuläre Details, wie die zwei energischen Streicher-Auftakte bei dem Wort „flieht« in der Arie „Eilt, ihr angefochtnen Seelen«.

Libretto

Teil I

1. Coro
Herr, unser Herrscher, dessen Ruhm
In allen Landen herrlich ist!
          Zeig uns durch deine Passion,
          Dass du, der wahre Gottessohn,
          Zu aller Zeit,
          Auch in der größten Niedrigkeit,
          Verherrlicht worden bist!
2a. Recitativo
Evangelist
Jesus ging mit seinen Jüngern über den Bach Kidron, da war ein Garten, darein ging Jesus und seine Jünger. Judas aber, der ihn verriet, wusste den Ort auch, denn Jesus versammlete sich oft daselbst mit seinen Jüngern. Da nun Judas zu sich hatte genommen die Schar und der Hohenpriester und Pharisäer Diener, kommt er dahin mit Fackeln, Lampen und mit Waffen. Als nun Jesus wusste alles, was ihm begegnen sollte, ging er hinaus und sprach zu ihnen:
Jesus
Wen suchet ihr?
Evangelist
Sie antworteten ihm:
2b. Coro
Jesum von Nazareth.
2c. Recitativo
Evangelist
Jesus spricht zu ihnen:
Jesus
Ich bin’s.
Evangelist
Judas aber, der ihn verriet, stund auch bei ihnen. Als nun Jesus zu ihnen sprach: Ich bin’s, wichen sie zurücke und fielen zu Boden. Da fragete er sie abermal:
Jesus
Wen suchet ihr?
Evangelist
Sie aber sprachen:
2d. Coro
Jesum von Nazareth.
2e. Recitativo
Evangelist
Jesus antwortete:
Jesus
Ich hab’s euch gesagt, dass ich’s sei, suchet ihr denn mich, so lasset diese gehen!
3. Choral
O große Lieb, o Lieb ohn alle Maße,
Die dich gebracht auf diese Marterstraße
Ich lebte mit der Welt in Lust und Freuden,
Und du musst leiden.
4. Recitativo
Evangelist
Auf dass das Wort erfüllet würde, welches er sagte: Ich habe der keine verloren, die du mir gegeben hast. Da hatte Simon Petrus ein Schwert und zog es aus und schlug nach des Hohenpriesters Knecht und hieb ihm sein recht Ohr ab; und der Knecht hieß Malchus. Da sprach Jesus zu Petro:
Jesus
Stecke dein Schwert in die Scheide! Soll ich den Kelch nicht trinken, den mir mein Vater gegeben hat?
5. Choral
Dein Will gescheh, Herr Gott, zugleich
Auf Erden wie im Himmelreich.
Gib uns Geduld in Leidenszeit,
Gehorsam sein in Lieb und Leid;
Wehr und steur allem Fleisch und Blut,
Das wider deinen Willen tut!
6. Recitativo
Evangelist
Die Schar aber und der Oberhauptmann und die Diener der Jüden nahmen Jesum und bunden ihn und führeten ihn aufs erste zu Hannas, der war Kaiphas Schwäher, welcher des Jahres Hoherpriester war. Es war aber Kaiphas, der den Jüden riet, es wäre gut, dass ein Mensch würde umbracht für das Volk.
7. Aria (Alt)
Von den Stricken meiner Sünden
Mich zu entbinden,
Wird mein Heil gebunden.
          Mich von allen Lasterbeulen
          Völlig zu heilen,
          Läßt er sich verwunden.
8. Recitativo
Evangelist
Simon Petrus aber folgete Jesu nach und ein ander Jünger.
9. Aria (Sopran)
Ich folge dir gleichfalls mit freudigen Schritten
Und lasse dich nicht,
Mein Leben, mein Licht.
          Befördre den Lauf
          Und höre nicht auf,
          Selbst an mir zu ziehen, zu schieben, zu bitten.
10. Recitativo
Evangelist
Derselbige Jünger war dem Hohenpriester bekannt und ging mit Jesu hinein in des Hohenpriesters Palast. Petrus aber stund draußen für der Tür. Da ging der andere Jünger, der dem Hohenpriester bekannt war, hinaus und redete mit der Türhüterin und führete Petrum hinein. Da sprach die Magd, die Türhüterin, zu Petro:
Sopran
Bist du nicht dieses Menschen Jünger einer?
Evangelist
Er sprach:
Petrus
Ich bin’s nicht.
Evangelist
Es stunden aber die Knechte und Diener und hatten ein Kohlfeu’r gemacht (denn es war kalt) und wärmeten sich. Petrus aber stund bei ihnen und wärmete sich. Aber der Hohepriester fragte Jesum um seine Jünger und um seine Lehre. Jesus antwortete ihm:
Jesus
Ich habe frei, öffentlich geredet für der Welt. Ich habe allezeit gelehret in der Schule und in dem Tempel, da alle Jüden zusammenkommen, und habe nichts im Verborgnen geredt. Was fragest du mich darum? Frage die darum, die gehöret haben, was ich zu ihnen geredet habe! Siehe, dieselbigen wissen, was ich gesaget habe.
Evangelist
Als er aber solches redete, gab der Diener einer, die dabeistunden, Jesu einen Backenstreich und sprach:
Diener
Solltest du dem Hohenpriester also antworten?
Evangelist
Jesus aber antwortete:
Jesus
Hab ich übel geredt, so beweise es, dass es böse sei, hab ich aber recht geredt, was schlägest du mich?
11. Choral
Wer hat dich so geschlagen,
Mein Heil, und dich mit Plagen
So übel zugericht’?
Du bist ja nicht ein Sünder
Wie wir und unsre Kinder,
Von Missetaten weißt du nicht.
Ich, ich und meine Sünden,
Die sich wie Körnlein finden
Des Sandes an dem Meer,
Die haben dir erreget
Das Elend, das dich schläget,
Und das betrübte Marterheer.
12a. Recitativo
Evangelist
Und Hannas sandte ihn gebunden zu dem Hohenpriester Kaiphas. Simon Petrus stund und wärmete sich, da sprachen sie zu ihm:
12b. Coro
Bist du nicht seiner Jünger einer?
12c. Recitativo
Evangelist
Er leugnete aber und sprach:
Petrus
Ich bin’s nicht.
Evangelist
Spricht des Hohenpriesters Knecht’ einer, ein Gefreundter des, dem Petrus das Ohr abgehauen hatte:
Diener
Sahe ich dich nicht im Garten bei ihm?
Evangelist
Da verleugnete Petrus abermal, und alsobald krähete der Hahn. Da gedachte Petrus an die Worte Jesu und ging hinaus und weinete bitterlich.
13. Aria (Tenor)
Ach, mein Sinn,
Wo willt du endlich hin,
Wo soll ich mich erquicken?
Bleib ich hier,
Oder wünsch ich mir
Berg und Hügel auf den Rücken?
Bei der Welt ist gar kein Rat,
Und im Herzen
Stehn die Schmerzen
Meiner Missetat,
Weil der Knecht den Herrn verleugnet hat.
14. Choral
Petrus, der nicht denkt zurück,
Seinen Gott verneinet,
Der doch auf ein’ ernsten Blick
Bitterlichen weinet.
Jesu, blicke mich auch an,
Wenn ich nicht will büßen;
Wenn ich Böses hab getan,
Rühre mein Gewissen!

Teil II

15. Choral
Christus, der uns selig macht,
Kein Bös’ hat begangen,
Der ward für uns in der Nacht
Als ein Dieb gefangen,
Geführt für gottlose Leut
Und fälschlich verklaget,
Verlacht, verhöhnt und verspeit,
Wie denn die Schrift saget.
16a. Recitativo
Evangelist
Da führeten sie Jesum von Kaiphas vor das Richthaus, und es war frühe. Und sie gingen nicht in das Richthaus, auf dass sie nicht unrein würden, sondern Ostern essen möchten. Da ging Pilatus zu ihnen heraus und sprach:
Pilatus
Was bringet ihr für Klage wider diesen Menschen?
Evangelist
Sie antworteten und sprachen zu ihm:
16b. Coro
Wäre dieser nicht ein Übeltäter, wir hätten dir ihn nicht überantwortet.
16c. Recitativo
Evangelist
Da sprach Pilatus zu ihnen:
Pilatus
So nehmet ihr ihn hin und richtet ihn nach eurem Gesetze!
Evangelist
Da sprachen die Jüden zu ihm:
16d. Coro
Wir dürfen niemand töten.
16e. Recitativo
Evangelist
Auf dass erfüllet würde das Wort Jesu, welches er sagte, da er deutete, welches Todes er sterben würde. Da ging Pilatus wieder hinein in das Richthaus und rief Jesu und sprach zu ihm:
Pilatus
Bist du der Jüden König?
Evangelist
Jesus antwortete:
Jesus
Redest du das von dir selbst, oder haben’s dir andere von mir gesagt.
Evangelist
Pilatus antwortete:
Pilatus
Bin ich ein Jüde? Dein Volk und die Hohenpriester haben dich mir überantwortet; was hast du getan?
Evangelist
Jesus antwortete:
Jesus
Mein Reich ist nicht von dieser Welt; wäre mein Reich von dieser Welt, meine Diener würden darob kämpfen, dass ich den Jüden nicht überantwortet würde; aber nun ist mein Reich nicht von dannen.
17. Choral
Ach großer König, groß zu allen Zeiten,
Wie kann ich gnugsam diese Treu ausbreiten?
Keins Menschen Herze mag indes ausdenken,
Was dir zu schenken.
Ich kann’s mit meinen Sinnen nicht erreichen,
Womit doch dein Erbarmen zu vergleichen.
Wie kann ich dir denn deine Liebestaten
Im Werk erstatten?
18a. Recitativo
Evangelist
Da sprach Pilatus zu ihm:
Pilatus
So bist du dennoch ein König?
Evangelist
Jesus antwortete:
Jesus
Du sagst’s, ich bin ein König. Ich bin dazu geboren und in die Welt kommen, dass ich die Wahrheit zeugen soll. Wer aus der Wahrheit ist, der höret meine Stimme.
Evangelist
Spricht Pilatus zu ihm:
Pilatus
Was ist Wahrheit?
Evangelist
Und da er das gesaget, ging er wieder hinaus zu den Jüden und spricht zu ihnen:
Pilatus
Ich finde keine Schuld an ihm. Ihr habt aber eine Gewohnheit, dass ich euch einen losgebe; wollt ihr nun, dass ich euch der Jüden König losgebe?
Evangelist
Da schrieen sie wieder allesamt und sprachen:
18b. Coro
Nicht diesen, sondern Barrabam! 18c. Recitativo
Evangelist
Barrabas aber war ein Mörder. Da nahm Pilatus Jesum und geißelte ihn.
19. Arioso (Bass)
Betrachte, meine Seel, mit ängstlichem Vergnügen,
Mit bittrer Lust und halb beklemmtem Herzen
Dein höchstes Gut in Jesu Schmerzen,
Wie dir auf Dornen, so ihn stechen,
Die Himmelsschlüsselblumen blühn!
Du kannst viel süße Frucht von seiner Wermut brechen
Drum sieh ohn Unterlass auf ihn!
20. Aria (Tenor)
Erwäge, wie sein blutgefärbter Rücken
In allen Stücken
Dem Himmel gleiche geht,
          Daran, nachdem die Wasserwogen
          Von unsrer Sündflut sich verzogen,
          Der allerschönste Regenbogen
          Als Gottes Gnadenzeichen steht!
21a. Recitativo
Evangelist
Und die Kriegsknechte flochten eine Krone von Dornen und satzten sie auf sein Haupt und legten ihm ein Purpurkleid an und sprachen:
21b. Coro
Sei gegrüßet, lieber Jüdenkönig!
21c. Recitativo
Evangelist
Und gaben ihm Backenstreiche. Da ging Pilatus wieder heraus und sprach zu ihnen:
Pilatus
Sehet, ich führe ihn heraus zu euch, dass ihr erkennet, dass ich keine Schuld an ihm finde.
Evangelist
Also ging Jesus heraus und trug eine Dornenkrone und Purpurkleid. Und er sprach zu ihnen:
Pilatus
Sehet, welch ein Mensch!
Evangelist
Da ihn die Hohenpriester und die Diener sahen, schrieen sie und sprachen:
21d. Coro
Kreuzige, kreuzige!
21e. Recitativo
Evangelist
Pilatus sprach zu ihnen:
Pilatus
Nehmet ihr ihn hin und kreuziget ihn; denn ich finde keine Schuld an ihm!
Evangelist
Die Jüden antworteten ihm:
21f. Coro
Wir haben ein Gesetz, und nach dem Gesetz soll er sterben; denn er hat sich selbst zu Gottes Sohn gemacht.
21g. Recitativo
Evangelist
Da Pilatus das Wort hörete, fürchtet’ er sich noch mehr und ging wieder hinein in das Richthaus und spricht zu Jesu:
Pilatus
Von wannen bist du?
Evangelist
Aber Jesus gab ihm keine Antwort. Da sprach Pilatus zu ihm:
Pilatus
Redest du nicht mit mir ? Weißest du nicht, dass ich Macht habe, dich zu kreuzigen, und Macht habe, dich loszugehen?
Evangelist
Jesus antwortete:
Jesus
Du hättest keine Macht über mich, wenn sie dir nicht wäre von oben herab gegeben; darum, der mich dir überantwortet hat, der hat’s größ’re Sünde.
Evangelist
Von dem an trachtete Pilatus, wie er ihn losließe.
22. Choral
Durch dein Gefängnis, Gottes Sohn,
Muss uns die Freiheit kommen;
Dein Kerker ist der Gnadenthron,
Die Freistatt aller Frommen;
Denn gingst du nicht die Knechtschaft ein,
Müßt unsre Knechtschaft ewig sein.
23a. Recitativo
Evangelist
Die Jüden aber schrieen und sprachen:
23b. Coro
Lässest du diesen los, so bist du des Kaisers Freund nicht; denn wer sich zum Könige machet, der ist wider den Kaiser.
23c. Recitativo
Evangelist
Da Pilatus das Wort hörete, führete er Jesum heraus und satzte sich auf den Richtstuhl, an der Stätte, die da heißet: Hochpflaster, auf Ebräisch aber: Gabbatha. Es war aber der Rüsttag in Ostern um die sechste Stunde, und er spricht zu den Jüden:
Pilatus
Sehet, das ist euer König!
Evangelist
Sie schrieen aber:
23d. Coro
Weg, weg mit dem, kreuzige ihn!
23e. Recitativo
Evangelist
Spricht Pilatus zu ihnen:
Pilatus
Soll ich euren König kreuzigen?
Evangelist
Die Hohenpriester antworteten:
23f. Coro
Wir haben keinen König denn den Kaiser.
23g. Recitativo
Evangelist
Da überantwortete er ihn, dass er gekreuziget würde. Sie nahmen aber Jesum und führeten ihn hin. Und er trug sein Kreuz und ging hinaus zur Stätte, die da heißet Schädelstätt, welche heißet auf Ebräisch: Golgatha.
24. Aria (Bass und Chor)
Eilt, ihr angefochtnen Seelen,
Geht aus euren Marterhöhlen,
Eilt – Wohin? – nach Golgatha!
          Nehmet an des Glaubens Flügel,
          Flieht – Wohin? – zum Kreuzeshügel,
          Eure Wohlfahrt blüht allda!
25a. Recitativo
Evangelist
Allda kreuzigten sie ihn, und mit ihm zween andere zu beiden Seiten, Jesum aber mitten inne. Pilatus aber schrieb eine Überschrift und satzte sie auf das Kreuz, und war geschrieben: „Jesus von Nazareth, der Jüden König«. Diese Überschrift lasen viel Jüden, denn die Stätte war nahe bei der Stadt, da Jesus gekreuziget ist. Und es war geschrieben auf ebräische, griechische und lateinische Sprache. Da sprachen die Hohenpriester der Jüden zu Pilato:
25b. Coro
Schreibe nicht: der Jüden König, sondern dass er gesaget habe: Ich bin der Jüden König.
25c. Recitativo
Evangelist
Pilatus antwortet:
Pilatus
Was ich geschrieben habe, das habe ich geschrieben.
26. Choral
In meines Herzens Grunde
Dein Nam und Kreuz allein
Funkelt all Zeit und Stunde,
Drauf kann ich fröhlich sein.
Erschein mir in dem Bilde
Zu Trost in meiner Not,
Wie du, Herr Christ, so milde
Dich hast geblut’ zu Tod!
27a. Recitativo
Evangelist
Die Kriegsknechte aber, da sie Jesum gekreuziget hatten, nahmen seine Kleider und machten vier Teile, einem jeglichen Kriegesknechte sein Teil, dazu auch den Rock. Der Rock aber war ungenähet, von oben an gewürket durch und durch. Da sprachen sie untereinander:
27b. Coro
Lasset uns den nicht zerteilen, sondern darum losen, wes er sein soll.
27c. Recitativo
Evangelist
Auf dass erfüllet würde die Schrift, die da saget: Sie haben meine Kleider unter sich geteilet und haben über meinen Rock das Los geworfen, Solches taten die Kriegesknechte. Es stund aber bei dem Kreuze Jesu seine Mutter und seiner Mutter Schwester, Maria, Kleophas Weib, und Maria Magdalena. Da nun Jesus seine Mutter sahe und den Jünger dabei stehen, den er lieb hatte, spricht er zu seiner Mutter:
Jesus
Weib, siehe, das ist dein Sohn!
Evangelist
Darnach spricht er zu dem Jünger:
Jesus
Siehe, das ist deine Mutter!
28. Choral
Er nahm alles wohl in acht
In der letzten Stunde,
Seine Mutter noch bedacht,
Setzt ihr ein’ Vormunde.
O Mensch, mache Richtigkeit,
Gott und Menschen liebe,
Stirb darauf ohn alles Leid,
Und dich nicht betrübe!
29. Recitativo
Evangelist
Und von Stund an nahm sie der Jünger zu sich. Darnach, als Jesus wusste, dass schon alles vollbracht war, dass die Schrift erfüllet würde, spricht er:
Jesus
Mich dürstet!
Evangelist
Da stund ein Gefäße voll Essigs. Sie fülleten aber einen Schwamm mit Essig und legten ihn um einen Isopen, und hielten es ihm dar zum Munde. Da nun Jesus den Essig genommen hatte, sprach er:
Jesus
Es ist vollbracht!
30. Aria (Alt)
Es ist vollbracht!
O Trost vor die gekränkten Seelen!
Die Trauernacht
Läßt nun die letzte Stunde zählen.
Der Held aus Juda siegt mit Macht
Und schließt den Kampf.
Es ist vollbracht!
31. Recitativo
Evangelist
Und neigte das Haupt und verschied.
32. Aria (Bass und Choral)
Mein teurer Heiland, lass dich fragen,
Jesu, der du warest tot,
Da du nunmehr ans Kreuz geschlagen
Und selbst gesagt: Es ist vollbracht,
Lebest nun ohn Ende,
Bin ich vom Sterben frei gemacht?
In der letzten Todesnot
Nirgend mich hinwende

Kann ich durch deine Pein und Sterben
Das Himmelreich ererben?
Ist aller Welt Erlösung da?
Als zu dir, der mich versühnt,
O du lieber Herre!

Du kannst vor Schmerzen zwar nichts sagen;
Gib mir nur, was du verdient,
Doch neigest du das Haupt
Und sprichst stillschweigend: ja.
Mehr ich nicht begehre!
33. Recitativo
Evangelist
Und siehe da, der Vorhang im Tempel zerriss in zwei Stück von oben an bis unten aus. Und die Erde erbebete, und die Felsen zerrissen, und die Gräber täten sich auf, und stunden auf viel Leiber der Heiligen.
34. Arioso (Tenor)
Mein Herz, in dem die ganze Welt
Bei Jesu Leiden gleichfalls leidet,
Die Sonne sich in Trauer kleidet,
Der Vorhang reißt, der Fels zerfällt,
Die Erde bebt, die Gräber spalten,
Weil sie den Schöpfer sehn erkalten,
Was willst du deines Ortes tun?
35. Aria (Sopran)
Zerfließe, mein Herze, in Fluten der Zähren
Dem Höchsten zu Ehren!
          Erzähle der Welt und dem Himmel die Not:
          Dein Jesus ist tot!
36. Recitativo
Evangelist
Die Jüden aber, dieweil es der Rüsttag war, dass nicht die Leichname am Kreuze blieben den Sabbat über (denn desselbigen Sabbats Tag war sehr groß), baten sie Pilatum, dass ihre Beine gebrochen und sie abgenommen würden. Da kamen die Kriegsknechte und brachen dem ersten die Beine und dem andern, der mit ihm gekreuziget war. Als sie aber zu Jesu kamen, da sie sahen, dass er schon gestorben war, brachen sie ihm die Beine nicht; sondern der Kriegsknechte einer eröffnete seine Seite mit einem Speer, und alsobald ging Blut und Wasser heraus. Und der das gesehen hat, der hat es bezeuget, und sein Zeugnis ist wahr, und derselbige weiß, dass er die Wahrheit saget, auf dass ihr gläubet. Denn solches ist geschehen, auf dass die Schrift erfüllet würde: „Ihr sollet ihm kein Bein zerbrechen«. Und abermal spricht eine andere Schrift: „Sie werden sehen, in welchen sie gestochen haben«.
37. Choral
O hilf, Christe, Gottes Sohn,
Durch dein bitter Leiden,
Dass wir dir stets untertan
All Untugend meiden,
Deinen Tod und sein Ursach
Fruchtbarlich bedenken,
Dafür, wiewohl arm und schwach,
Dir Dankopfer schenken!
38. Recitativo
Evangelist
Darnach bat Pilatum Joseph von Arimathia, der ein Jünger Jesu war (doch heimlich aus Furcht vor den Jüden), dass er möchte abnehmen den Leichnam Jesu. Und Pilatus erlaubete es. Derowegen kam er und nahm den Leichnam Jesu herab. Es kam aber auch Nikodemus, der vormals bei der Nacht zu Jesu kommen war, und brachte Myrrhen und Aloen untereinander, bei hundert Pfunden. Da nahmen sie den Leichnam Jesu und bunden ihn in Leinen Tücher mit Spezereien, wie die Jüden pflegen zu begraben. Es war aber an der Stätte, da er gekreuziget ward, ein Garten, und im Garten ein neu Grab, in welches niemand je geleget war. Daselbst hin legten sie Jesum, um des Rüsttags willen der Jüden, dieweil das Grab nahe war.
39. Coro
Ruht wohl, ihr heiligen Gebeine,
Die ich nun weiter nicht beweine,
Ruht wohl und bringt auch mich zur Ruh!
          Das Grab, so euch bestimmet ist
          Und ferner keine Not umschließt,
          Macht mir den Himmel auf und schließt die Hölle zu.
40. Choral
Ach Herr, lass dein lieb Engelein
Am letzten End die Seele mein
In Abrahams Schoß tragen,
Den Leib in seim Schlafkämmerlein
Gar sanft ohn eigne Qual und Pein
Ruhn bis am jüngsten Tage!
Alsdenn vom Tod erwecke mich,
Dass meine Augen sehen dich
In aller Freud, o Gottes Sohn,
Mein Heiland und Genadenthron!
Herr Jesu Christ, erhöre mich,
Ich will dich preisen ewiglich!

  1. Vergleiche auch Psalm 8: „[Für den Chormeister. Nach dem Kelterlied. Ein Psalm Davids.] Herr, unser Herrscher, wie gewaltig ist dein Name auf der ganzen Erde; über den Himmel breitest du deine Hoheit aus. Aus dem Mund der Kinder und Säuglinge schaffst du dir Lob, deinen Gegnern zum Trotz; deine Feinde und Widersacher müssen verstummen. Seh ich den Himmel, das Werk deiner Finger, Mond und Sterne, die du befestigt: Was ist der Mensch, dass du an ihn denkst, des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst? Du hast ihn nur wenig geringer gemacht als Gott, hast ihn mit Herrlichkeit und Ehre gekrönt. Du hast ihn als Herrscher eingesetzt über das Werk deiner Hände, hast ihm alles zu Füßen gelegt: All die Schafe, Ziegen und Rinder und auch die wilden Tiere, die Vögel des Himmels und die Fische im Meer, alles, was auf den Pfaden der Meere dahinzieht. Herr, unser Herrscher, wie gewaltig ist dein Name auf der ganzen Erde!«

Werkeinführung, Bach, Oratorium, Passion