J. S. Bach, Kantaten für Solo-Bass, Chor und Orchester„Ich habe genug“ // „Der Friede sei mit dir“ // „Ich will den Kreuzstab gerne tragen“

 

Die Kantate stellt als literarische Gattung in ihrer späten Prägung durch Erdmann Neumeister das lyrische Pendant zur dramatischen Oper und dem episch geprägten Oratorium dar. Bach vertonte zahlreiche Kantaten-Libretti und rückte die Kantate mit über 200 überlieferten Gattungsbeiträgen, von denen nur etwa 20 für profane Anlässe entstanden und die insgesamt drei Fünftel der Gesamtzahl der von Bach komponierten Kantaten repräsentieren, ins Zentrum seines musikalischen Schaffens.

Von ihrer musikhistorischen Bedeutung zeugt auch der Bach-Kantaten-Begriff, avancierte er doch in der musikwissenschaftlichen Terminologie zur Gattungsbezeichnung. Die Libretti nehmen Bezug auf die Perikopen der einzelnen Sonn- oder Festtage, diese nach Art der Predigt auslegend, womit die Kantate der lutherischen Theologie, die Schriftwort und Predigt in den Mittelpunkt des Gottesdienstes rückt, folgt.

Die drei sehr ‚nach innen gekehrten‘ Kantaten des heutigen Konzerts entstanden zu unterschiedlichen Festtagen; doch ist ihnen eine eschatologische Grundstimmung, die der Zeit des Novembers und den Texten des sich dem Ende zuneigenden Kirchenjahres adäquat scheint, gemeinsam. Die den Konzert-Rahmen bildenden Kantaten Nr. 82 und 56 gehören zu den schönsten und bedeutendsten Klangschöpfungen des Meisters überhaupt.

Die einzelnen Kantaten

Ich habe genug (Nr. 82)

Die Kantate Nr. 82, entstanden zum Fest Mariae Reinigung/Lichtmess bzw. Darstellung des Herrn, thematisiert nicht, wie vermutet werden kann, das Reinigungsritual Mariens (Frauen galten bis mehrere Wochen nach der Geburt als unrein [vgl. 3. Mose 12]) oder die Darstellung (= Übergabe an Gott) Jesu im Tempel (vgl. Num. 18,16), die nach der Liturgiereform in den Mittelpunkt des Festes gerückt wurde, sondern konzentriert sich auf das „Nunc dimittis“, einen der drei Cantica des Lukas-Evangeliums, des Propheten Simeon.

Nun lässt du, Herr, deinen Knecht, wie du gesagt hast, in Frieden scheiden. Denn meine Augen haben das Heil gesehen, das du vor allen Völkern bereitet hast, ein Licht, das die Heiden erleuchtet, und Herrlichkeit für dein Volk Israel.

Lukas 2, 29–32

Der erste Satz hebt an mit einer hochkomplexen, überlangen Melodie der Solo-Oboe, deren initiale, mit einem Schleifer figurierte Exclamatio (aufwärts gerichteter kleiner Sextsprung) an die Arie „Erbarme dich“ aus Bachs „Matthäus-Passion“ gemahnt. Hauchfein synkopierend ziselierend umweben die Streicher Oboe und Solo-Bass. Das Hochheben und In-die-Arme-Nehmen („Ich habe den Heiland … auf meine … Arme genommen“) des Jesuskindes vollziehen die Streicher wunderbar textausdeutend mit. Das verwendete Motiv wird energetisch aufgeladen auf die Textstelle „nun wünsch ich noch heute mit Freuden von hinnen zu scheiden“ gespiegelt.

Im folgenden Rezitativ wechselt die Perspektive. Die Gemeinde/der Zuhörer/die heutige Christenheit wird sermonartig gemahnt, „mit diesem Manne [Simeon]“ zu ziehen.

Es folgt die überirdisch schöne ‚Schlummer-Arie‘, die in diesem Konzert mit sordinierten Streichinstrumenten aufgeführt wird. Das Sterben wird – wie häufig in der Dichtkunst des Barockzeitalters – als Bild des sanften Einschlummerns gemalt, musikalisch durch Liegetöne, häufige Wahl tiefer Streicherlagen und das mehrfache Innehalten auf Fermatenklängen verdeutlicht. (Auch hier eine musikalisch-textliche Parallele zur „Matthäus-Passion“, namentlich zu der Arie „Aus Liebe will mein Heiland sterben“.) Mitunter vereinen sich Solo-Bass und 1. Violine erotisierend zum Unisono. Mit dem plötzlichen Sich-Hinwenden zur wenig heilvollen Real-Welt verstummen die Streicher, das Stück wandelt sich zu einer Continuo-Arie, bis das Lyrische Ich sich nach einigen Anläufen wieder dem Schlummerlied anvertrauen kann, um sich im folgenden ‚Abschieds-Rezitativ‘ endgültig vom Diesseits loszusagen („Der Abschied ist gemacht. Welt! gute Nacht.“).

Der letzte Satz, „Ich freue mich auf meinen Tod“, ist eine das (scheinbare) Paradoxon des Librettos durch einen tänzerischen Habitus herausarbeitende Arie, die an eine Chorea machabaeorum erinnert; nicht jedoch ist es – wie in zahllosen Werken der bildenden Kunst und der Musik – der Tod, der sein Opfer in ein letztes Reigen zwingt; vielmehr ist es Simeon selbst, der, den Erlöser schauend, christliche Zuversicht antizipierend dem Tod angstfrei und bar jeglicher Gebrechlichkeit, die das hohe Alter mit sich bringt, entgegen jubeltanzt.

Der Friede sei mit dir (Nr. 158)

Die Kantate Nr. 158 ist ein heterogenes Werk, dessen genaue Entstehungsgeschichte ungeklärt ist. Die Rahmensätze waren Teil einer Oster-Kantate, die beiden wohl älteren Mittelsätze entstanden ebenfalls zum Fest Mariae Reinigung. Zwei Rezitative umrahmen eine Arie mit eingestreutem Cantus firmus. Ein Choral rundet das Werk ab.

Der Eingangssatz ist zweischichtig: Refrainartig wird der Friedensgruß des auferstandenen Herrn (vgl. Joh. 20) als kurz-prägnante Ariosi vertont, denen erläuternde Secco-Rezitativ-Abschnitte gegenüberstehen.

Die folgende „Aria mit Choral“ ist ein polyphones Meisterwerk, das virtuos geführte obligate Solo-Violine und Solo-Bass, teilweise kanonisch geführt, mit einer vom (Chor-)Sopran vorzutragende Choralweise über einem Continuo-Fundament miteinander verbindet.

Der dritte Satz beginnt als schlichtes Secco-Rezitativ, der in ein die vorangegangene Arie verarbeitendes Arioso übergeht. Diesem Kunstgriff werden wir in der ‚Kreuzstab-Kantate‘ erneut begegnen.

Die Kantate endet mit einem Oster-Choral Martin Luthers.

Ich will den Kreuzstab gerne tragen (Nr. 56)

Die Kantate Nr. 56, von Bach autograf als „Cantata à Voce Sola e Stromenti“ betitelt und damit einen der wenigen Gattungsbeiträge darstellend, für den Bach den Kantaten-Begriff bemüht hat, behandelt die Erzählung von der Heilung des Gelähmten (Mt. 9, vgl. auch Mk. 2, Lk. 5, Joh. 5) und gehört nach dem Mediziner, Musiker und Musikwissenschaftler Albert Schweitzer, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine Monographie über J. S. Bach verfasst hat, zum „Herrlichsten, was Bachs Vermächtnis an uns birgt“.

Ihr erster Satz hebt an mit einer an musikalischer Dichte und Schönheit kaum zu überbietenden Arie, die auch formal – wie alle großen Arien dieses Konzerts – eine große Besonderheit darstellt, folgt sie doch nicht dem gewöhnlichen Da-capo-Prinzip sondern einer freien Barform mit abschließender Wiederaufnahme des Eingangsritornells. Das Haupt-Soggetto ist zweigliedrig und bildet durch einen aufwärts gebrochenen Dreiklang plus einem einen freien Leitton (das „#“ fällt mit „Kreuzstab“ zusammen) erreichenden übermäßigen Schritt das Aufrichten des Kreuzstabs musikalisch ab. Der durch Seufzermotivik geprägte zweite Teil meint das Tragen desselben.

Der unbekannte Dichter vergleicht in dem sich anschließenden Satz das Leben mit einer Schifffahrt, ein Bild, das dem ersten Vers des Evangeliums entnommen ist. Bach koppelt das Violoncello vom Continuo ab und lässt es sanfte Wellenbewegungen nachvollziehen, die mit dem Aussteigen („so tret’ ich aus dem Schiff in meine Stadt“) verebben.

Auf eine spielfreudige Arie mit obligater Solo-Oboe folgt ein instrumentiertes Secco-Rezitativ, das in ein wichtige Motive der Eingangssatzes rekapitulierendes Arioso einmündet.

Der wunderbar ausgewählte und von Bach gesetzte Schluss-Choral (die frappierende Anfangs-Synkope stammt von Bach; die Original-Melodie Johann Crügers beginnt auf männlicher Zählzeit) rekurriert auf das Bild der irdischen Schifffahrt und beschreibt den Tod als Tor „zu dem schönsten Jesulein“ – Summe des Konzerts und Geheimnis christlicher Zuversicht.

Libretti

Ich habe genug (Nr. 82)

Für das Fest Mariae Reinigung (Darstellung des Herrn) 1727. Anschließende mehrfache Umarbeitung. Thema: Lobpreisung des Simeon (Lukas 2, 25–35). Textdichter: unbekannt

Arie
Ich habe genug,
Ich habe den Heiland, das Hoffen der Frommen,
Auf meine begierigen Arme genommen;
Ich habe genug!
          Ich hab ihn erblickt,
          Mein Glaube hat Jesum ans Herze gedrückt;
          Nun wünsch ich, noch heute mit Freuden
          Von hinnen zu scheiden.
Rezitativ
Ich habe genug.
Mein Trost ist nur allein,
Dass Jesus mein und ich sein eigen möchte sein.
Im Glauben halt ich ihn,
Da seh ich auch mit Simeon
Die Freude jenes Lebens schon.
Laßt uns mit diesem Manne ziehn!
Ach! möchte mich von meines Leibes Ketten
Der Herr erretten;
Ach! wäre doch mein Abschied hier,
Mit Freuden sagt ich, Welt, zu dir:
Ich habe genug.
Arie
Schlummert ein, ihr matten Augen,
Fallet sanft und selig zu!
          Welt, ich bleibe nicht mehr hier,
          Hab ich doch kein Teil an dir,
          Das der Seele könnte taugen.
          Hier muss ich das Elend bauen,
          Aber dort, dort werd ich schauen
          Süßen Frieden, stille Ruh.
Rezitativ
Mein Gott! wann kömmt das schöne: Nun!
Da ich im Friede fahren werde
Und in dem Sande kühler Erde
Und dort bei dir im Schoße ruhn?
Der Abschied ist gemacht,
Welt, gute Nacht!
Arie
Ich freue mich auf meinen Tod,
Ach, hätt er sich schon eingefunden.
          Da entkomm ich aller Not,
          Die mich noch auf der Welt gebunden.

Der Friede sei mit dir (Nr. 158)

Wahrscheinlich aus unterschiedlichen Werken zusammengesetzt. Für den 3. Osterfesttag/Mariae Reinigung. Textdichter: unbekannt. Choralstrophen: 2) Johann Georg Albini (1668.), 4) Martin Luther (5. Strophe von „Christ lag in Todesbanden“, 1524)

Rezitativ
Der Friede sei mit dir,
Du ängstliches Gewissen!
Dein Mittler stehet hier,
Der hat dein Schuldenbuch
Und des Gesetzes Fluch
Verglichen und zerrissen.
Der Friede sei mit dir,
Der Fürste dieser Welt,
Der deiner Seele nachgestellt,
Ist durch des Lammes Blut bezwungen und gefällt.
Mein Herz, was bist du so betrübt,
Da dich doch Gott durch Christum liebt!
Er selber spricht zu mir:
Der Friede sei mit dir!
Arie mit Choral
Welt, ade, ich bin dein müde,
Welt, ade, ich bin dein müde,
Salems Hütten stehn mir an,
Ich will nach dem Himmel zu,
Wo ich Gott in Ruh und Friede
Da wird sein der rechte Friede
Ewig selig schauen kann.
Und die ewig stolze Ruh.
Da bleib ich, da hab ich Vergnügen zu wohnen,
Welt, bei dir ist Krieg und Streit,
Nichts denn lauter Eitelkeit;
Da prang ich gezieret mit himmlischen Kronen.
In dem Himmel allezeit
Friede, Freud und Seligkeit.
Rezitativ und Arioso
Nun, Herr, regiere meinen Sinn,
Damit ich auf der Welt,
So lang es dir, mich hier zu lassen, noch gefällt,
Ein Kind des Friedens bin,
Und lass mich zu dir aus meinen Leiden
Wie Simeon in Frieden scheiden! :
Da bleib ich, da hab ich Vergnügen zu wohnen,
Da prang ich gezieret mit himmlischen Kronen.
Choral
Hier ist das rechte Osterlamm,
Davon Gott hat geboten;
Das ist hoch an des Kreuzes Stamm
In heißer Lieb gebraten.
Des Blut zeichnet unsre Tür,
Das hält der Glaub dem Tode für;
Der Würger kann uns nicht rühren.
Alleluja!

Ich will den Kreuzstab gerne tragen (Nr. 56)

Für den 19. Sonntag nach Trinitatis. Entstehung: 1726 (Version für Solo-Sopran), Adaptionen: 1731–1732 (für Solo-Alt bzw. Solo-Bass). Thema: Heilung des Gichtbrüchigen (Matthäus 9, 1-8). Textdichter: unbekannt. Choralstrophe: Johann Franck (6. Strophe von „Du, o schönes Weltgebäude“, 1653)

Arie
Ich will den Kreuzstab gerne tragen,
Er kömmt von Gottes lieber Hand,
Der führet mich nach meinen Plagen
Zu Gott, in das gelobte Land.
Da leg ich den Kummer auf einmal ins Grab,
Da wischt mir die Tränen mein Heiland selbst ab.
Rezitativ
Mein Wandel auf der Welt
Ist einer Schiffahrt gleich:
Betrübnis, Kreuz und Not
Sind Wellen, welche mich bedecken
Und auf den Tod
Mich täglich schrecken;
Mein Anker aber, der mich hält,
Ist die Barmherzigkeit,
Womit mein Gott mich oft erfreut.
Der rufet so zu mir:
Ich bin bei dir,
Ich will dich nicht verlassen noch versäumen!
Und wenn das wütenvolle Schäumen
Sein Ende hat,
So tret ich aus dem Schiff in meine Stadt,
Die ist das Himmelreich,
Wohin ich mit den Frommen
Aus vielem Trübsal werde kommen.
Arie
Endlich, endlich wird mein Joch
Wieder von mir weichen müssen.
          Da krieg ich in dem Herren Kraft,
          Da hab ich Adlers Eigenschaft,
          Da fahr ich auf von dieser Erden
          Und laufe sonder matt zu werden.
          O gescheh es heute noch!
Rezitativ und Arioso
Ich stehe fertig und bereit,
Das Erbe meiner Seligkeit
Mit Sehnen und Verlangen
Von Jesus Händen zu empfangen.
Wie wohl wird mir geschehn,
Wenn ich den Port der Ruhe werde sehn.
Da leg ich den Kummer auf einmal ins Grab,
Da wischt mir die Tränen mein Heiland selbst ab.
Choral
Komm, o Tod, du Schlafes Bruder,
Komm und führe mich nur fort;
Löse meines Schiffleins Ruder,
Bringe mich an sichern Port!
Es mag, wer da will, dich scheuen,
Du kannst mich vielmehr erfreuen;
Denn durch dich komm ich herein
Zu dem schönsten Jesulein.
Werkeinführung, Bach, Kantate