Caritas abundatLiedsonate für Violine solo

 

Sätze

  • Caritas Abundat. Sinfonia, Chaconne und Fuge
  • Wie schön leuchtet der Morgenstern
  • Kein schöner Land in dieser Zeit

Instrumentation

  • Violine solo

Aufführungsdauer

45 min

Eine Solo-Sonate für die Violine steht zwingend in der Tradition der gigantischen Werke Johann Sebastian Bachs für diese Besetzung, und so ist auch die vorliegende gewaltige Sonate, Caritas abundat, äußerst polyphon gearbeitet und stellt technisch wie musikalisch hohe Anforderungen an den Interpreten.

Der Untertitel Liedsonate deutet auf drei Lieder hin, die den einzelnen Sätzen zugrunde liegen, ein mittelalterlicher Gesang, ein Choral und ein Volkslied.

Der erste Satz der Sonate verarbeitet den Gesang Caritas abundat in omnia der Hildegard von Bingen. Choralpassagen wechseln mit freien, hochvirtuose Abschnitte mit getragenen, exaltierte mit kontemplativen. Der Kopfsatz mündet in einen doppelten polyphonen Höhepunkt: Zunächst erklingt eine Chaconne, deren Variationen ein großes Spektrum an Spieltechniken und Stimmungen aufweisen. Ihr folgt eine Fuge, das Chaconne-Thema in abgewandelter Form wieder aufgreifend.

Der Choral Wie schön leuchtet der Morgenstern bildet die Grundlage für den zweiten Satz, ein kontemplativer, hochemotionaler Gesang mit omnipräsenten Bezügen zum cantus firmus.

Der Finalsatz schließlich verarbeitet einer wilden Einleitung folgend das Volkslied Kein schöner Land in dieser Zeit in Form eines weiteren umfangreichen, sehr frei gehaltenen Variationszyklus. Wie die gesamte Sonate durch ein engmaschiges Motivgeflecht durchzogen ist, nimmt besonders dieser Satz auf alles Vorangegangene Bezug, Motive sämtlicher Sätze werden kombiniert und neu in Beziehung zueinander gesetzt. Schließlich endet der Satz mit einer kurzen, in das Volkslied eingestreuten Erinnerung an das Lied Hildegards.

Zu den verwendeten Gesängen

Die Komponistin Hildegard wandelt die Vorlage Gregorianischer Choral in einen ihr sehr eigenen Liedstil um. Ihre Melodien sind überaus lautmalerisch, phasenweise virtuos und umfassen häufig einen ungewohnt großen Ambitus.

Die Tradition des deutschen Kirchenlieds fußt auf den wichtigen Beiträgen Thomas Müntzers (1489–1525) und Martin Luthers (1483–1546). Dabei stellt der Choral Wie schön leuchtet der Morgenstern, in Text und Melodie verfasst von Philipp Nicolai, eine der schönsten und bekanntesten Schöpfungen dar. In der (nicht chronologisch angelegten) Zählung der bach’schen Werke ist die gleichnamige Kantate über diesen Choral als Nummer 1 angeführt.

Kein schöner Land in dieser Zeit, 1840 von Anton Wilhelm von Zuccalmaglio (1803–1869) unter dem Titel Abendlied veröffentlicht, schließlich ist das wohl beliebteste Volkslied und in seiner Schlichtheit von einer herzergreifenden Melancholie.

Die Komponistin Hildegard von Bingen

Hildegard von Bingen, 1098–1179, Kirchenlehrerin und Heilige, gilt als eine der bekanntesten und einflussreichsten Frauen des Mittelalters. Die Rezeption Ihrer Werke hat in den letzten Jahren und wenigen Jahrzehnten eine große Renaissance erlebt. Zu Ihren Schriften gehören Beiträge zur Naturmedizin, Kosmologie, Biologie, Ethik und Theologie.

Mit den Symphonia armonie celestium revelationum, denen die Antiphon Caritas abundat entnommen ist, liegt eine 77 liturgische Gesänge umfassende Liedersammlung vor. Ferner ist das Mysterienspiel Ordo virtutum überliefert, ein halbszenischer Wechselgesang, der durchaus als Vorform von Oratorium und Oper verstanden werden kann.

Zugrunde liegende Texte

Caritas abundat

Caritas abundat in omnia,
de imis excellentissima super sidera,
atque amantissima in omnia,
quia summo Regi osculum pacis dedit.

Text: Hildegard von Bingen

Gottmilde überflutet das All
von der Tiefe bis herauf zu den Sternen,
und liebend ist sie allem zugetan,
da dem höchsten König sie den Kuss des Friedens gab.

Übersetzung: M. Schönewolf

Wie schön leuchtet der Morgenstern

  1. Wie schön leuchtet der Morgenstern
    Voll Gnad vnd Warheit von dem HERRN
    Die süsse Wurtzel Jesse?
    Du Sohn Dauid
    auß Jacobs Stamm
    Mein König vnd mein Bräutigam
    Hast mir mein Hertz besessen
    Lieblich
    freundtlich
    Schön vnd herrlich
    Groß vnd ehrlich
    Reich von Gaben
    Hoch vnd sehr prächtig erhaben.

  2. Ey mein Perle
    du werthe Kron
    Wahr Gottes vnd Marien Sohn
    Ein hochgeborner König
    Mein Hertz heißt dich einlilium,
    Dein süsses Euangelium,
    Jst lauter Milch vnd Honig
    Ey mein
    Blümlein
    Hosianna
    Himmlisch Manna
    Das wir essen
    Deiner kan ich nicht vergessen.

  3. Geuß sehr tieff in mein Hertz hineyn
    Du heller Jaspis vnd Rubin
    Die Flamme deiner Liebe.
    Vnd erfreuw mich
    daß ich doch bleib
    An deinem außerwehlten Leib
    Ein lebendige Rippe
    Nach dir
    ist mir
    Gratiosa
    cœli rosa,
    Kranck vnd glümmet
    Mein Hertz
    durch Liebe verwundet.

  4. Von Gott kompt mir ein Frewdenschein
    Wenn du mit deinen Eugelein
    Mich freundtlich thust anblicken
    O HERR Jesu mein trawtes Gut
    Dein Wort
    dein Geist
    dein Leib vnd Blut
    Mich innerlich erquicken.
    Nimm mich
    freundtlich
    Jn dein Arme
    Daß ich warme
    Werd von Gnaden
    Auff dein Wort komm ich geladen.

  5. HERR Gott Vatter
    mein starcker Heldt
    Du hast mich ewig
    für der Welt
    In deinem Sohn geliebet
    Dein Sohn hat mich jhm selbst vertrawt
    Er ist mein Schatz
    ich bin sein Braut
    Sehr hoch in jhm erfreuwet.
    Eya
    Eya
    Himmlisch Leben
    wirdt er geben
    Mir dort oben
    Ewig soll mein Hertz jhn loben.

  6. Zwingt die Sayten in Cythara.
    Vnd laßt die süsse Musica,
    Gantz frewdenreich erschallen:
    Daß ich möge mit Jesulein
    Dem wunder schönen Bräutgam mein
    In stäter Liebe wallen.
    Singet
    springet
    Jubilieret
    triumphieret
    Danckt dem HERREN
    Groß ist der König der Ehren.

  7. Wie bin ich doch so hertzlich fro
    Daß mein Schatz ist das A vnd O
    Der Anfang
    vnd das Ende:
    Er wirdt mich doch zu seinem Preyß
    Auffnemmen in das Paradeiß
    Deß klopff ich in die Hände.
    Amen
    Amen
    Komm du schone
    FrewdenKrone
    Bleib du nicht lange
    Deiner wart ich mit Verlangen.

Kein schöner Land

  1. Kein schöner Land in dieser Zeit,
    als hier das unsre weit und breit,
    |: wo wir uns finden,
    wohl untern Linden,
    zur Abendzeit! :|

  2. Da haben wir so manche Stund’
    gesessen da in frohem Rund,
    |: und taten singen,
    Die Lieder klingen
    im Eichengrund! :|

  3. Dass wir uns hier in diesem Tal
    noch treffen so viel hundertmal:
    |: Gott mag es schenken,
    Gott mag es lenken,
    der hat die Gnad’. :|

  4. Jetzt, Freunde, eine gute Nacht,
    der Herr im hohen Himmel wacht,
    |: in seiner Güten
    uns zu behüten,
    hat er bedacht! :|

Read in English
Violine, Solo, Kammermusik