Ueber die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Redenvon Heinrich von Kleist

 

Heinrich von Kleist (1777–1811) verfasste seinen Essay Ueber die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden wohl 1805 oder 1806; doch ist der in Briefform an seinen Freund Otto August Rühle von Lilienstern (1780–1847) gerichtete Aufsatz erst posthum in der Zeitschrift Nord und Süd veröffentlicht worden.

Kleist thematisiert hierin die Möglichkeit der Problemlösung durch bloßes Kommunizieren über einen Gegenstand mit einer anderen Person – auch wenn diese Person nicht fachkundig sei. Er exemplifiziert dies anhand eines historischen Beispiels, das sich im Zuge der Französischen Revolution zugetragen hat, anhand einer Tierfabel von Jean de la Fontaine (1621–1695), die unten stehend wiedergegeben ist sowie eines öffentlichen Examens im akademischen Bereich.

Der Aufsatz genießt in der Welt von Wissenschaft und Kunst große Reputation.

 

Ueber die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden.

Von
Heinrich von Kleist
An R. v. L.

Wenn Du etwas wissen willst und es durch Meditation nicht finden kannst, so rathe ich Dir, mein lieber, sinnreicher Freund, mit dem nächsten Bekannten, der dir aufstößt, darüber zu sprechen. Es braucht nicht eben ein scharfdenkender Kopf zu sein, auch meine ich es nicht so, als ob du ihn darum befragen solltest, nein! Vielmehr sollst Du es ihm selber allererst erzählen.

Ich sehe Dich zwar große Augen machen, und mir antworten, man habe Dir in früheren Jahren den Rath gegeben, von nichts zu sprechen, als nur von Dingen, die Du bereits verstehst. Damals aber sprachst Du wahrscheinlich mit dem Vorwitz, _Andere,_ – ich will, daß Du aus der verständigen Absicht sprechest: Dich zu belehren, und so könnten, für verschiedene Fälle verschieden, beide Klugheitsregeln vielleicht gut neben einander bestehen. Der Franzose sagt: l’appétit vient en mangeant, und dieser Erfahrungssatz bleibt wahr, wenn man ihn parodirt, und sagt: l’idée vient en parlant.

Oft sitze ich an meinem Geschäftstisch über den Acten, und erforsche in einer verwickelten Streitsache den Gesichtspunkt, aus welchem sie wol zu beurtheilen sein möchte. Ich pflege dann gewöhnlich in’s Licht zu sehen, als in den hellsten Punkt, bei dem Bestreben, in welchem mein innerstes Wesen begriffen ist, sich aufzuklären. Oder ich suche, wenn mir eine algebraische Aufgabe vorkommt, den ersten Ansatz, die Gleichung, die die gegebenen Verhältnisse ausdrückt, und aus welcher sich die Auflösung nachher durch Rechnung leicht ergibt. Und siehe da, wenn ich mit meiner Schwester davon rede, welche hinter mir sitzt, und arbeitet, so erfahre ich, was ich durch ein vielleicht stundenlanges Brüten nicht herausgebracht haben würde. Nicht, als ob sie es mir im eigentlichen Sinne sagte; denn sie kennt weder das Gesetzbuch, noch hat sie den Euler oder Kästner studirt. Auch nicht, als ob sie mich durch geschickte Fragen auf den Punkt hinführte, auf welchen es ankommt, wenn schon dies letzte häufig der Fall sein mag. Aber weil ich doch irgendeine dunkle Vorstellung habe, die mit dem, was ich suche, von fern her in einiger Verbindung steht, so prägt, wenn ich nur dreist damit den Anfang mache, das Gemüth, während die Rede fortschreitet, in der Nothwendigkeit, dem Anfang nun auch – ein Ende zu finden, jene verworrene Vorstellung zur völligen Deutlichkeit aus, dergestalt, daß die Erkenntnis zu meinem Erstaunen, mit der Periode fertig ist. Ich mische unartikulirte Töne ein, ziehe die Verbindungswörter in die Länge, gebrauche wol eine Apposition, wo sie nicht nöthig wäre, und bediene mich anderer, die Rede ausdehnender Kunstgriffe, zur Fabrikation meiner Idee auf der Werkstätte der Vernunft, die gehörige Zeit zu gewinnen.

Dabei ist mir nichts heilsamer, als eine Bewegung meiner Schwester, als ob sie mich unterbrechen wollte; denn mein ohnehin schon angestrengtes Gemüth wird durch diesen Versuch von außen, ihm die Rede, in deren Besitz es sich befindet, zu entreißen, nur noch mehr erregt und in seiner Fähigkeit, wie ein großer General, wenn die Umstände drängen, noch um einen Grad höher gespannt.

In diesem Sinne begreife ich, von welchem Nutzen Moliere seine Magd sein konnte; denn wenn er derselben, wie er vorgibt, ein Urtheil zutraute, das das seinige berichtigen konnte, so ist dies eine Bescheidenheit, an deren Dasein in seiner Brust ich nicht glaube.

Es liegt ein sonderbarer Quell der Begeisterung für denjenigen, der spricht, in einem menschlichen Antlitz, das ihm gegenübersteht, und ein Blick, der uns einen halb ausgedrückten Gedanken schon als begriffen ankündigt, schenkt uns oft den Ausdruck für die ganz andere Hälfte desselben. Ich glaube, daß mancher großer Redner, in dem Augenblick, da er den Mund aufmachte, noch nicht wußte, was er sagen würde. Aber die Ueberzeugung, daß er die ihm nöthige Gedankenfülle schon aus den Umständen und der daraus resultirenden Erregung seines Gemüths schöpfen würde, machte ihn dreist genug, den Anfang, auf gutes Glück hin, zu setzen.

Mir fällt jener „Donnerkeil“ des Mirabeau ein, mit welchem er den Ceremonienmeister abfertigte, der nach Aufhebung der letzten monarchischen Sitzung des Königs am 23. Juni, in welcher dieser den Ständen auseinander zu gehen anbefohlen hatte, in den Sitzungssaal, in welchem die Stände noch verweilten, zurückkehrte, und sie befragte, ob sie den Befehl des Königs vernommen hätten? „Ja“, antwortete Mirabeau, „wir haben des Königs Befehl vernommen“ – ich bin gewiß, daß er bei diesem humanen Anfang noch nicht an die Bayonnete dachte, mit welchen er schloß: „ja, mein Herr“, wiederholte er, „wir haben ihn vernommen.“ Man sieht, daß er noch gar nicht recht weiß, was er will. „Doch was berechtigt Sie“ – fuhr er fort, und nun plötzlich geht ihm ein Quell ungeheurer Vorstellungen auf – „uns hier Befehle anzudeuten? Wir sind die Repräsentanten der Nation.“  – Das war es, was er brauchte: „Die Nation gibt Befehle und empfängt keine,“ – um sich gleich auf den Gipfel der Vermessenheit zu schwingen. „Und damit ich mich Ihnen ganz deutlich erkläre“ – und erst jetzo findet er, was den ganzen Widerstand, zu welchem seine Seele gerüstet dasteht, ausdrückt: „So sagen Sie Ihrem Könige, daß wir unsere Plätze anders nicht, als auf die Gewalt der Bayonnete verlassen werden.“  – Worauf er sich, selbstzufrieden, auf einen Stuhl niedersetzte.

Wenn man an den Ceremonienmeister denkt, so kann man sich ihn bei diesem Auftritt nicht anders, als in einem völligen Geistesbankerott vorstellen; nach einem ähnlichen Gesetz, nach welchem in einem Körper, der von einem elektrischen Zustand Null ist, wenn er in eines elektrisirten Körpers Atmosphäre kommt, plötzlich die entgegengesetzte Elektricität erweckt wird. Und wie in dem elektrisirten dadurch, nach einer Wechselwirkung, der ihm innewohnende Elektricitäts-Grad wieder verstärkt wird, so ging unseres Redners Muth bei der Vernichtung seines Gegners zur verwegensten Begeisterung über.

Vielleicht, daß es –  auf diese Art – zuletzt das Zucken einer Oberlippe war, oder ein zweideutiges Spiel an der Manschette, was in Frankreich den Umsturz der Ordnung der Dinge bewirkte.

Man liest, daß Mirabeau, sobald der Ceremonienmeister sich entfernt hatte, aufstand und vorschlug: 1) sich sogleich als Nationalversammlung, und 2) als unverletzlich zu constituiren. Denn dadurch, daß er sich, einer Kleistischen Flasche gleich, entladen hatte, war er nun wieder neutral geworden und gab, von der Verwegenheit zurückgekehrt, plötzlich der Furcht vor dem Chatelet und der Vorsicht Raum.

Dies ist eine merkwürdige Uebereinstimmung zwischen den Erscheinungen der physischen und moralischen Welt, welche sich, wenn man sie verfolgen wollte, auch noch in den Nebenumständen bewähren würde. Doch ich verlasse mein Gleichnis, und kehre zur Sache zurück. Auch Lafontaine gibt, in seiner Fabel: Les animaux malades de la peste, wo der Fuchs dem Löwen eine Apologie zu halten gezwungen ist, ohne zu wissen, wo er den Stoff dazu hernehmen soll, ein merkwürdiges Beispiel von einer allmählichen Verfertigung des Gedankens aus einem in der Noth hingesetzten Anfang.

Man kennt diese Fabel. Die Pest herrscht im Thierreich, der Löwe versammelt die Großen desselben und eröffnet ihnen, daß dem Himmel, wenn er besänftigt werden solle, ein Opfer fallen müsse. Viele Sünder seien im Volke, der Tod des Größesten müsse die übrigen vom Untergang retten. Sie möchten ihm daher ihre Vergehungen aufrichtig bekennen. Er für sein Theil gestehe, daß er im Drange des Hungers manchem Schafe den Garaus gemacht; auch dem Hunde, wenn er ihm zu nahe gekommen; ja es sei ihm in leckerhaften Augenblicken zugestoßen, daß er den Schäfer gefressen. Wenn Niemand sich größerer Schwachheiten schuldig gemacht habe, so sei er bereit zu sterben.

„Sire“, sagt der Fuchs, der das Ungewitter von sich ableiten will, „Sie sind zu großmüthig. Ihr edler Eifer führt Sie zu weit. Was ist es, ein Schaf erwürgen? oder einen Hund, diese nichtswürdige Bestie? Und _quant au berger_“, fährt er fort, denn dies ist der Hauptpunkt: on peut dire; obschon er noch nicht weiß was? „qu’il méritoit tout mal;“ auf gut Glück, und somit ist er verwickelt; „étant“ eine schlechte Phrase, die ihm aber Zeit verschafft; „de ces gens là“, nun erst findet er den Gedanken, der ihn aus der Noth reißt: „qui sur les animaux se font un chimérique empire“.

Und jetzt beweist er, daß der Esel, der blutdürstige! (der alle Kräuter anfrißt), das zweckmäßigste Opfer sei, worauf alle über ihn herfallen und ihn zerreißen.  – Ein solches Reden ist wahrhaft lautes Denken. Die Reihen der Vorstellungen und ihrer Bezeichnungen gehen neben einander fort, und die Gemüthsacten für Eins und das Andere congruiren. Die Sprache ist alsdann keine Fessel, etwa wie ein Hemmschuh an dem Rade des Geistes, sondern wie ein zweites mit ihm parallel fortlaufendes Rad an seiner Axe.

Etwas ganz Anderes ist es, wenn der Geist schon, vor aller Rede, mit dem Gedanken fertig ist. Denn dann muß er bei seiner bloßen Ausdrückung zurückbleiben, und dies Geschäft, weit entfernt ihn zu erregen, hat vielmehr keine andere Wirkung, als ihn von seiner Erregung abzuspannen.

Wenn daher eine Vorstellung verworren ausgedrückt wird, so folgt der Schluß noch gar nicht, daß sie auch verworren gedacht worden sei; vielmehr könnte es leicht sein, daß die verworrenst ausgedrückten grade am deutlichsten gedacht werden. Man sieht oft in einer Gesellschaft, wo durch ein lebhaftes Gespräch, eine continuierliche Befruchtung der Gemüther mit Ideen im Werke ist, Leute, die sich, weil sie sich der Sprache nicht mächtig fühlen, sonst in der Regel zurückgezogen halten, plötzlich mit einer zuckenden Bewegung aufflammen, die Sprache an sich reißen und etwas Unverständliches zur Welt bringen. Ja, sie scheinen, wenn sie nun die Aufmerksamkeit aller auf sich gezogen haben, durch ein verlegnes Geberdenspiel anzudeuten, daß sie selbst nicht mehr recht wissen, was sie sagen wollen. Es ist wahrscheinlich, daß diese Leute etwas recht Treffendes und sehr deutlich gedacht haben. Aber der plötzliche Geschäftswechsel, der Uebergang ihres Geistes vom Denken zum Ausdrücken, schlug die ganze Erregung desselben, die zur Festhaltung des Gedankens nothwendig, wie zum Hervorbringen erst erforderlich war, wieder nieder.

In solchen Fällen ist es um so unerläßlicher, daß uns die Sprache mit Leichtigkeit zur Hand sei, um dasjenige, was wir gleichzeitig gedacht haben und doch nicht gleichzeitig von uns geben können, wenigstens so schnell als möglich aufeinander folgen zu lassen. Und überhaupt wird Jeder, der bei gleicher Deutlichkeit geschwinder als sein Gegner spricht, einen Vortheil über ihn haben, weil er gleichsam mehr Truppen als er in’s Feld führt.

Wie nothwendig eine gewisse Erregung des Gemüts ist, auch selbst nur um Vorstellungen, die wir schon gehabt haben, wieder zu erzeugen, sieht man oft, wenn offene und unterrichtete Köpfe examinert werden und man ihnen ohne vorhergegegangene Einleitung Fragen vorlegt wie diese: was ist der Staat? oder was ist das Eigenthum? oder dergleichen. Wenn diese jungen Leute sich in einer Gesellschaft befunden hätten, wo man sich vom Staat oder vom Eigenthum schon eine Zeit lang unterhalten hätte, so würden sie vielleicht mit Leichtigkeit durch Vergleichung, Absonderung und Zusammenfassung der Begriffe die Definition gefunden haben. Hier aber, wo diese Vorbereitung des Gemüths gänzlich fehlt, sieht man sie stocken, und nur ein unverständiger Examinator wird daraus schließen, daß sie nicht wissen. Denn nicht wir wissen, es ist allererst ein gewisser Zustand unsrer, welcher weiß. Nur ganz gemeine Geister, Leute, die, was der Staat sei, gestern auswendig gelernt und morgen schon wieder vergessen haben, werden hier mit der Antwort bei der Hand sein.

Vielleicht gibt es überhaupt keine schlechtere Gelegenheit, sich von einer vorteilhaften Seite zu zeigen, als grade ein öffentliches Examen.

Abgerechnet, daß es schon widerwärtig und das Zartgefühl verletzend ist, und daß es reizt, sich stetig zu zeigen, wenn solch ein gelehrter Roßkamm uns nach den Kenntnissen sieht, um uns, je nachdem es fünf oder sechs sind, zu kaufen oder wieder abtreten zu lassen; – es ist so schwer, auf ein menschliches Gemüth zu spielen und ihm seinen eigentümlichen Laut abzulocken, es verstimmt sich so leicht unter ungeschickten Händen, daß selbst der geübteste Menschenkenner, der in der Hebeammenkunst der Gedanken, wie Kant sie nennt, auf das meisterhafteste bewandert wäre, hier noch, wegen der Unbekanntschaft mit seinem Sechswöchner, Mißgriffe thun könnte.

Was übrigens solchen jungen Leuten, auch selbst den unwissendsten noch, in den meisten Fällen ein gutes Zeugnis verschafft, ist der Umstand, daß die Gemüther der Examinatoren, wenn die Prüfung öffentlich geschieht, selbst zu sehr befangen sind, um ein freies Urteil fällen zu können. Denn nicht nur fühlen sie häufig die Unanständigkeit dieses ganzen Verfahrens, – man würde sich schon schämen, von Jemandem, daß er seine Geldbörse vor uns ausschütte, zu fordern, viel weniger seine Seele – sondern ihr eigener Verstand muß hier eine gefährliche Musterung passiren, und sie mögen oft ihrem Gott danken, wenn sie selbst aus dem Examen gehen können, ohne sich Blößen, schmachvoller vielleicht, als der eben von der Universität kommende Jüngling, gegeben zu haben, den sie examinirten.

H. v. K.

Jean de La Fontaine, Die Pest unter den Tieren

Ein Übel, schreckhaft, wo es je erstand,
Ein Übel, das des Himmels Zorn erfand,
Der Erde Übeltun zu rächen,
Die Pest (kaum wag ich's auszusprechen),
Sie, die den Acheron so schnell bereichern kann,
Fiel kriegerisch die Tiere an.
Nicht alle starben, aber alle wurden krank:
Nicht einer, der noch sorgte, daß er aß und trank.
Kein Mahl erregte ihre Gier,
Nicht Wolf noch Fuchs umspähten mehr
Das unschuldvolle Beutetier.
Die Turteltauben flogen unstet hin und her,
Sie suchten keine Liebe, keine Freude mehr.

Der Leu hielt Rat und sprach: „Ich glaub es zu erfassen:
Ob unsrer Sünden groß und schwer
Hat diese Pein der Himmel zugelassen.
Drum säume unser größter Sünder nicht,
Dem Zorn des Himmels sich als Sühne anzutragen.
Vielleicht daß dies die Härte unsrer Strafe bricht.
Ihr wißt ja, daß man oft in ähnlich schlimmen Lagen
Solche Ergebenheitsbeweise brachte.
Bekennt euch also. Jeder hier betrachte
Ganz ohne Nachsicht sein Gewissen.
Was mich betrifft: fiel mich der Hunger an,
So hab ich oft ein Schaf zerrissen,
Das nicht das kleinste mir zuleid getan;
Und hie und da geschah's,
Daß ich sogar den Hirten aß.
Ich will mich opfern, wenn es nötig ist.
Doch scheint mir’s richtig, daß erst jedermann ermißt,
Ob nicht noch schwerer wiegt sein eignes Sündenmaß,
Da es gerecht ist, daß der größte Sünder stirbt.“
„Oh, unser guter König,“ rief der Fuchs darauf,
„Der hier wie immer unser aller Lob erwirbt!
Doch, Herr, Ihr fraßt nur Schafe, dummen Pöbel auf –
Wie könnt Ihr denken, daß dies eine Sünde wäre?
Nein, nein! Indem Ihr sie zu Eurem Mahl ergrifft,
Erwiest Ihr ihnen hohe Ehre.
Und was den Hirten anbetrifft,
Der war gewiß des Todes wert,
Da er zu jenen Leuten ja gehört,
Die sich in ihrem Hochmut oft so weit vergaßen,
Sich über uns, die Tiere, Rechte anzumaßen.“
So sprach der Fuchs. Die Schmeichler pflichteten ihm bei.
Man wagte auch dem Tiger, Bär und andern Großen
Nicht nachzuweisen, daß ihr Rauben sündhaft sei.
Man scheute sich, die starken Frevler zu erbosen,
Sie alle bis zum Hofhund hieß man heilige Leute.
Nun kam der Esel an die Reih:
„Ich kam an einer Klosterwiese einst vorbei.
Die zarten Gräser, die Gelegenheit zur Beute,
Der Hunger und, ich glaube, irgendwelcher Teufel
Verführten mich, den grünen Rasen
Auf Zungenbreite abzugrasen.
Da tat ich unrecht – ohne Zweifel.“
„O Schmach!“ schrie man den Esel an.
Und ein gerißner Wolf bewies mit vielen Phrasen,
Die Pest sei darum da, um diese Tat zu rächen,
Das räudige Eselsvieh allein sei schuld daran.
Die kleine Sünde ward der Strafe wert ermessen.
Welch ein empörendes Verbrechen:
Der andern Leute Gras zu fressen!
Der Tod nur sühnte solche Tat des Bösewichts.
Das zeigte man ihm gar geschwind.

Ganz je nachdem, wie mächtig oder schwach wir sind,
Macht weiß uns oder schwarz das Urteil des Gerichts.