Die Vergänglichkeit stürzt überall
In ein tiefes Sein.

Rainer Maria Rilke

Wer den Blick auf die Sonne richtet,
Dem erschließt sich das Wesen der Finsternis.

Ägyptisches Totenbuch, nach Spruch 115

Die Lieder im Entgleiten sind ein Werk im Entstehen. Das Werk setzt sich mit einer grundlegenden Betrachtung des Todes auseinander, dem Tod als einer „Erschütterungsmacht unseres Lebens“, wie der Lyriker Hartmut Oliver Horst ihn nennt.

In drei Stationen zu jeweils drei Sätzen folgt das Werk dem Tod und dem Sterben gewissermaßen aus einer angstfrei-pathetischen wie auch einer wissenschaftlich-philosophischen und einer religiösen Perspektive. Das Werk umfasst in Teil Eins das Irdisch-Körperliche, in Teil Zwei die Geistes- und Seelenwelt. Der dritte Teil führt ins Metaphysische, ist Auflösung und Verklärung.

Mit seinem Wechsel von Kunstliedern und mehr rezitativisch geprägten Sätzen schwebt das Werk formal zwischen groß angelegtem Liederzyklus und ‚Lieder-Kantate‘. Die Komposition verdankt ihre Inspiration beeindruckenden Wort-Gemälden und Ton-Bildern der verarbeiteten Gedichtworte.

Die großen Erschütterungsthemen des Menschen kommen zur Sprache, werden in literarisch gewaltigen wie subtilen Bildern gemalt, hymnisch bedichtet und elegisch beweint, in einer Sprache, rätselhaft, sublim, schön, mit Worten, die gleich einer intensiven Gefühlsmelodik selber wie Musik ertönen.

Die Rezitative hat der Komponist aus zahlreichen Quellen zusammengefügt und bietet so eine systematische Betrachtung des Todes – aus Perspektiven der Lyrik, der Religion, der Philosophie, der Mythologie, den Erkenntnissen der Thanatologie.

Fast 4000 Jahre alte ägyptische Lyrik verbindet sich mit Dichtungen von Johann Wolfgang von Goethe, Andreas Gryphius, Georg Heym, Friedrich Hölderlin, Hartmut Oliver Horst, Rainer Maria Rilke und Friedrich von Schiller, mit zahlreichen Passagen der großen dramatischen Dichtungen des William Shakespeare, philosophischen Aphorismen, Sentenzen und Erkenntnissen von Friedrich Nietzsche, Spinoza und Epikur, buddhistischen und christlichen Weisheiten, dem enigmatischen Epigramm Rilkes und den letzten Worten bedeutender Persönlichkeiten.

Ein großer Orchesterapparat bebildert die ausdrucksstarken Texte auf nahezu romantische Weise, großen Klang, Pathos und Dramatik nicht scheuend, und verbindet die Texte doch so unterschiedlicher Gattungen in einer schöpferischen Synthese zu einem dicht gewebtem Geflecht zahlloser Motive.

Bereits im vorliegenden ersten, umfangreichen Lied präsentiert das mit dreifachem Holz, vollem Blechbläserapparat, zwei Harfen, Schlagzeug und Streicherchor besetzte Orchester zahlreiche Motive, die das gesamte Werk durchziehen und prägen werden – Motive der Sehnsucht, des Rätsels und Rätselns, des Kranichzugs, Motive des Lichtes und der Sonne. Zentrum der motivischen Arbeit ist eine musikalische, das Schreiten – sanft und hehr – des Todes versinnbildlichende Signatur. Eine besondere Harmoniefortschreitung erhebt sich symbolisch auferklingend zu immer neuen Höhen, doch ohne zu einem Ende zu gelangen. So erlangt der Tod, wenngleich in Passagen düster und fahl dargestellt, durch eine musikalisch-textliche Inspiration ein erhebendes und überhöhendes Moment, gewissermaßen die Synthese antizipierend, die das Werk beschließen wird.

Die abschließende Verklärung ist eine Verklärung im Sange. „Gesang ist Ewigsein“ ist die den Zyklus beschießende und auf eine Zeit der Unzeitlichkeit verweisende Aussage, die der Komponist den Sonetten an Orpheus Rainer Maria Rilkes abgewonnen hat.

Dem Zyklus zugeordnet ist ein Bild Edvard Munchs. Es zeigt einen Sonnenaufgang über dem Fjord, ein Motiv, das Munch mindestens achtmal festgehalten hat. Munch, der auch Friedrich Nietzsche malte – eine weitere Verbindung zu unserem Liederzyklus – und der eher einer ‚Düsternis‘ zuneigt, zeigt hier das Licht eines neuen Tags, das nach den altägyptischen Mythen auf ein neues, ewiges Leben, ein Leben im Lichtland hinweisen mag. Der Lichtstrahl, der im Wasser stehend das Land blau berührt, scheint einer Person gleich, die gleichsam verklärt auf den Punkt im Zentrum der Sonne schaut, um auf diesen zuzuschreiten.

Nun, meine Seele, heißt es Abschied nehmen; denn der Mund wurde geöffnet. Wandle, Seele, zum Heiligen dich, kranichs den Himmel zu küssen, falke zu rudern die Barke gen Aufgang im Lichtland.

René Descartes, letzte Worte/M. Schönewolf, frei nach altägyptischer Mythologie