GlockenblumengesängeFür Viola (Campanula) und Harfe

 

Die Glockenblumengesänge sind ein umfangreiches kammermusikalisches Werk für die neu entwickelte Viola Campanula und Harfe. Uneingeschränkt lässt es sich auch auf der klassischen Viola interpretieren. Erweitert ist das Werk um Gedichte von Hartmut Oliver Horst.

Das Werk ist mal poetisch-lyrisch, mal zupackend, dann entfernt an Jazz erinnernd, in Teilen hoch-virtuos – so insbesondere in den Solo-Kadenzen –; doch immer bleibt der Klang sphärisch, transparent und schwebend, der einzigartigen Klangsignatur der mit zahlreichen Resonanzsaiten versehenen Campanula Rechnung tragend. Die Harfe ist als gleichwertiges Hauptinstrument eingesetzt. Ihr warm-silbriger Klang verbindet sich hervorragend mit der Campanula.

„Die ‚Glockenblumengesänge‘ sind ein hoch-inspiriertes Werk, das in die Schönheit unbekannter Klangwelten entführt.“

Catriona Böhme, Bratschistin

 

Der erste Satz ist Tribut und Hommage an die Campanula selbst, an das Instrument wie die zarte Glockenblume gleichermaßen. Die Satzbezeichnung „An die Schwester“ und die das gesamte Werk durchziehende ‚musikalische Tonsignatur‘ des Instruments versinnbildlichen dies.

Wir hören Glockenmotive und arpeggierte Akkorde der Harfe, schnell-virtuose und durch permanente Wechsel der Taktart geprägte Abschnitte, entfernte Anklänge an Jazz, einen von der Viola weitgehend solistisch geprägten Abschnitt, das aus dem Glockenblumenmotiv erwachsende ‚Campanula-Thema‘, klangprächtig von der Harfe untermalt.

Die Schlussphase mit ihren romantisch anmutenden Akkordfolgen verarbeitet und kombiniert die vorausgegangenen Themen und Motive.

Der zweite Satz ist eine Solo-Kadenz für die Harfe. Ein ruhiger Abschnitt antizipiert und verarbeitet ein Hauptmotiv, das im Finale größte Bedeutung erlangt. Zu diesen ruhigen Passagen wird die erste Strophe des Gedichts Hartmut Oliver Horsts „An die Stille“ gesprochen. Dem Vortrag der zweiten Strophe schließt sich eine kurze virtuos-flirrende Passage an. Der letzte Vers des Gedichts, „Die Stille träumt, denn sie ist Lied“, wird von kurzen aufblühenden Akkorden der Harfe behutsam gegliedert.

Der Gesang „Aer enim volat“ („Die Luft nämlich fliegt“) der Hildegard von Bingen liegt dem dritten Satz, „An den Abendwind“, zugrunde. Die anspruchsvolle und ein großes Repertoire virtuoser Spieltechniken vorstellende Kadenz der Viola verarbeitet vergangene und abermals in die Zukunft, zum Finalsatz weisende Motive.

Heiter präsentiert sich der vorletzte vierte Satz. Ein weiteres Gedicht von Hartmut Oliver Horst, „Glockenblume“, wird in diesem vorletzten Satz rezitiert. Verspielte Motive charakterisieren die erste Abteilung. In der zweiten wandeln sich Ganzton- zu Halbtonfolgen in rasendem Tempo. Dies überrascht umso mehr, da Chromatik der Harfe naturgemäß fremd ist. Nur durch entsprechende Pedalisierung lässt sich eine umfangreiche Passage rein chromatisch realisieren. Ob abstrakt zu verstehen oder Alpen-Glockenblumen einen Sturm erleben sei dahingestellt.

Der Finalsatz, „An die Schönheit“, ist erneut ein sehr umfangreicher und vielschichtiger und bildet mit seinem Umfang ein Gegengewicht zum ersten Satz der Gesänge. Einem einfachen Glockenmotiv entwächst ein opulent-akkordisches Hauptthema, das uns in Andeutung verharrend ab dem zweiten Satz begleitete. Über groß gebrochenen Akkorden der Harfe singt die Viola lange Linien. Der Topos der Schönheit wird hierbei durch das musikalische Idiom der Oktave, dem reinsten Intervall überhaupt, hör- und erlebbar gemacht. Auch das vollständige Campanula-Thema begegnet erneut. Unerwartet ein Abschnitt strenger Polyphonie, ein kurzes Fugato. Hier – wie im gesamten Werk – begegnen Natur und Kunst einander; eine Synthese von „geistdurchwirkter Natur und beseelter Kunst“ nennt es Hartmut Oliver Horst.

Ätherische, schwebende gleichwie virtuose Passagen der Harfe, die hier oftmals führend eingesetzt ist. Dann Wiederaufnahme des Beginns des Werkes. Eine zyklische Abrundung wird vorbereitet. Erneut Oktavlinien der Viola über den Klangwolken der Harfe. Schließlich sinkt die Viola zu ihrem tiefsten Ton, dem kleinen c, herab – einem Ton von weich-herber Schönheit und dem Geschmack von Torf. Ein letztes Mal erklingt über diesem gestrichenen c das Campanulamotiv – als gehauchtes Pizzikato der linken Hand.