WeltenliedFür Bariton und Klavier
Thema des Weltenliedes ist die Musik selber, ihr Aufsteigen „aus verständigtem Ursprunge“, der Liebe als ihr bedingender und in ihrer Fortwirkung gestaltender Impuls, ihr Strömen und Sich-Verströmen, sich – gleich unendlicher Kombinationsmöglichkeiten horizontaler (linear-melodischer) und vertikaler (harmonischer) Kräfte – zu „sphärischen Mustern“ verbindend bis zur Apotheose eines Triumphes.
Dieses Allumfassen möchte auch die Musik hör- und erlebbar machen, eine Musik, die sich aus den Liedern im Entgleiten für Bariton und Großes Orchester speist – im Klavierlied jedoch konzentrierter, harmonisch schlichter und auf die Opulenz des Orchesterklangs verzichtend.
Das Motiv des Anhubs im Klavier, quasi-kanonisch und im großen Ambitus zwischen Bass- und Oberstimme geführt, wird von der Singstimme in anderem Tempo aufgegriffen und fortentwickelt. Aufsteigend ist das Motiv, ein „Steigen aller Klänge“ versinnbildlichend (in den Orchesterliedern ein solches der Zeit), polymetrisch die Setzweise, jenes sich zu Mustern verbindendes Fluten der Musik ausdeutend.
Kurze Fanfare; dann statische Akkordfolgen, die Hymnisches in sich tragen und im Gedicht von Hartmut Oliver Horst „zum Triumphe führen“. Sehnsüchtiges Anrufen der Euterpe, Muse der Poesie wie der Musik, durch die Gesangsstimme, die dargestellt ist durch statische, säulen-artige Akkorde, ein Fast-Stehenbleiben der Musik – Abbildung des Wesens der „ewig Unversehrten“.
Weitere Überleitung des Klaviers mit auf ihr Wesentliches reduzierten Motiven und Gedanken der Dietrich Fischer-Dieskau posthum gewidmeten Orchesterlieder.
Die Schlussstrophe des Gedichts wendet Mythologie zum Mystischen mit der Beschreibung einer Musik, die „im Durchströmen wachsend … in wandernden Tagen … die Blumen der Zukunft“ umkreist.
Zweiteilig die Musik der Finalstrophe des Klavierlieds. Zunächst ein Aufgreifen der Motorik des Beginns – angereichert durch Arpeggien und gleichfalls die Harfe nachahmend gesetzte Akkorde –, dann eigentliches Da capo. Das Tempo ist verlangsamt, das kanonische Motiv durch Oktavierung in Bass und Oberstimme auf seinen maximalen Ambitus erweitert. Poetisches Ausschwingen der Singstimme; Durchmessen des gesamten Tonraums durch das Klavier und schließend mit dissonanten Klängen von umso weicherer Wirkung – vernommen mit „immer neuen Ohren“ und hörend ein – wenngleich unsterblich – Heimkehren der Musik „im unendlichen Kusse“.

Weltenlied
Aus verständigtem Ursprunge steigen alle Klänge.
Inmitten der Seele lebt als tönende Harmonie ihr Impuls: die Liebe.
Helle des Augenblicks,
wenn innerste Flut – zu sphärischen Mustern verbunden –
ihre schwingende Kraft zum Triumphe führt.
Zu künden das Unendliche
kam aus heiligen Bezirken die ewig Unversehrte
und rauscht Gesänge
über uns, die Irdischen: Euterpe.
Lausche, sie redet zu dir aus verschütteter Zeit.
Ton der Flöte, der Leben leise durchdringt und bindet.
Lausche, sie führt hinweg.
Stimme von außen, im Durchströmen wachsend,
kaum zu deuten, doch eins mit allen, die sie berührt.
In wandernden Tagen umkreist sie die Blumen der Zukunft,
die fühlende Sehnsucht, sich selbst, da sie nicht sterben kann,
mit immer neuen Ohren vernehmbar,
vibrierend und heimgekehrt im unendlichen Kusse.
Hartmut Oliver Horst